Vom Weg

Vom Weg über die heiligen Berge

 

Von Anton Wieser

Eine Neumondnacht zu Frühlingsbeginn.Alljährlich am Dreinagelfreitag, vierzehn Tage nach Ostern, versammelt sich das Volk am Magdalensberg, zum Vierbergelauf.

„Es wird nicht leicht sein, draußen ist kalt“,
so verabschiedet der Pfarrer von Ottmanach während der Mitternachtsmesse die Pilger. Neben der Christmette ist dies eine der wenigen Meßfeiern im europäischen Raum, welche zu Mitternacht gefeiert wird.
Der Lauf beginnt.

Fünfzig Kilometer Pilgerweg liegen vor den bestens ausgerüsteten Wanderern. Der Weg über die Vierberge in Kärnten, dem Magdalensberg 1058 m, dem Ulrichsberg 1015 m, dem Veits- oder Gösseberg 1171 m und dem Lorenziberg 1000 m , muß innerhalb von 17 Stunden vollzogen sein. Aufgeregt sind sie alle. Wie wird es heuer werden? Wird das Wetter halten? Eine halbe Stunde nach Mitternacht ziehen die Kreuzträger durch das gotische Eingangsportal der Magdalensbergkirche hinaus in die dunkle Nacht. Viele sind schon vorausgeeilt.

Bald verstummt man, das monotone Geräusch der Schritte mischt sich mit dem Nachläuten der Glocken, dem Schein der Taschenlampen und dem Rauchgeruch der wenigen Fackeln der Vorderen. Asphaltstraße hinunter. Straßenkurven abgekürzt.
Rascher Tritt. Links hinüber über den dunklen Acker mit junger, grüner Saat.Abermals links ab, den Graben durch. Wieder Stau, neuerlich große Wasserlacken am Waldweg. So geht es beim Prunnerkreuz vorbei, der 17-er Bundesstraße entlang, über die Schnellstraße weiter nach Möderndorf, bis man nach zweieinhalb Stunden Fußmarsch um zirka halbvier Uhr früh Pörtschach am Berg erreicht.

Erste Rast. Neuer Messbeginn zur Frühmesse in Pörtschach am Berg ist 4 Uhr! Einläuten zur Frühmesse und Fertigmachen zum Aufstieg auf den 1015 m hohen Ulrichsberg. Über vierhundert Höhenmeter müssen überwunden werden. Mit der Morgendämmerung bei der Kirchenruine auf dem Gipfel angekommen, wird hier nur kurz gerastet. Durchschwitzte Hemden und dampfende Körper werden am wärmenden Lagerfeuer getrocknet. Efeu gesammelt, Getreidekörner getauscht, Weihwasser abgefüllt, ein Gebet für die Verstorbenen der Weltkriege und hinunter geht der Lauf der Pilger. Jetzt schon über einen besser gekennzeichneten Weg, früher in wilder Hatz über das glatte Buchenlaub. Mehr stolpernd als gehend, rennen die Teilnehmer der Wallfahrt den Ulrichsberg hinab Karnberg entgegen. Um 7 Uhr früh Bischofsmesse am Feld des Bergfußes.
Der Mesner mit dem Kreuz, der Lehrer mit den Schulkindern, der Priester mit seinen Ministranten und Kirchenfahnen sammeln sich zum „Einholen“ und zum „Kreuzküssen“ am Ortsende von Zweikirchen. Um 8 Uhr wird die dritte Messe zelebriert.

Bis zum Kulm verläuft die Jahrhunderte alte Wegroute ohne Steigung flach durch das Glantal. Ein Drittel, rund sechzehn Kilometer der Strecke, sind zurückgelegt.Mit „Zuckerln verschenken“ an die Kinder, die am Wegrand „vorsitzen“, erreichen bis halb Elf die Vierbergler Liemberg. Unter der Kirche vor dem Gasthaus wird bis zum Einläuten Mittagsrast gehalten. Nach der freundlichen Begrüßung des Pfarrers mit Händeschütteln, dem „Einholen“ unter Glockengeläut, dem Umgehen der Kirche und der letzten Messe in Liemberg, folgt der steile Anstieg auf den 1171 m hohen Veits- oder Gösseberg. Langsam und mit gleichmäßigem Schritt sollte man den Aufstieg beginnen.

An der Burgruine Alt-Liemberg vorbei über die Mittagshitze spiegelnde Blutwiese erreicht man nach der Überwindung von rund 450 Höhenmetern die Gipfelkirche. Der dritte Berg, der Veitsberg ist geschafft. Dreimal soll man hier vor dem Wunschläuten im Kirchenraum die kleine Kapelle umgehen.Rucksäcke und die müden Körper an den wärmenden Kirchensockel gelehnt, wird bald wieder, nachdem der Durst gelöscht wurde, über die restliche Wegstrecke gesprochen.

Das Bergerlaub, hier Fichtenzweige, rasch auf den Hut, an den Rucksack oder an das Vortragekreuz gesteckt. Hinunter über den Kastenbauer zum Grund hinauf zur Kirche von Gradenegg, wo um cca. 13 Uhr 45 eine Andacht gehalten wird. Weit zieht sich die Vierbergerschar auseinander. Eine knappe Stunde geht man von Gradenegg nach Sörg. Wiederum mit bunten, roten Kirchenfahnen und vielen Kreuzen zieht man von der tiefer gelegenen Wiese, wo man zusammen gewartet hat, vorbei an vielen Schaulustigen in Sörg um cca 15 Uhr ein. Auch hier wird die Kirche umschritten und die letzte Anbetung gehalten.

Bis 17 Uhr soll das Ziel der Wallfahrt, die Kirche auf dem rund 1000 m hohen Lorenziberg, erreicht werden, dann ist die Wallfahrt gelungen und der geheime Wunsch, den man auf den 50 km langen Pilgerweg mitgenommen hat, geht – so heißt es – in Erfüllung.